“Purer Sauglattismus funktioniert nicht”

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Während gut einer Stunde übten Blattmacher Thomas Ley vom Blick, Desirée Pomper, die das Ressort Inland von 20 Minuten führt, mit Thomas Kropf, Ausbildner beim SRF, Kritik am Journalismus. Geleitet wurde die Diskussion vom SRF-Moderator Franz Fischlin.

Wo der Schuh drückt

Zu Beginn der Veranstaltung zeigen zwei ehemalige ZHAW-Studenten des Studienganges Journalismus & Organisationskommunikation einen selbst produzierten Kurzfilm, in welchem Journalisten unterschiedlicher Verlagshäuser zu aktuellen Problemen in der Medienlandschaft befragt wurden. “Heute muss alles schnell gehen. Nach 5 Minuten sind viele Themen schon oft nicht mehr aktuell”, bedauert im Videoclip Blick am Abend-Mitarbeiter Michael Spillmann. Beim Radio sieht es ähnlich aus. “Früher hatten wir für gewisse Beiträge drei Stunden Zeit, jetzt muss man in derselben Zeit mehrere Dinge tun”, erklärt Andrea Fehr vom SRF Virus.

PR wird Fallschirm für unzufriedene Journalisten

Bei der Produktion des Films stellten die Filmproduzenten Olivia Gähwiler und Florian Schweer fest, dass der Unterschied zwischen PR-Schaffenden und Journalisten manchmal gar nicht so gross ist. Journalisten würden sich immer darüber beklagen, dass sie nicht genau wüssten, was wirklich passiert ist, weil PR-Verantwortliche nicht sagen würden, was Sache sei. Beim Dreh war jedoch das gleiche Phänomen bei den Befragten festzustellen. “Tatsache ist, dass man als Journalist heute mehr als früher fürs gleiche Geld leisten muss. Deshalb ist der Trend entstanden, zur besser bezahlten PR zu wechseln. Das muss sich ändern, sonst leidet die Qualität”, erzählt Schweer und übergibt das Wort Moderator Franz Fischlin, der sogleich die Podiumsdiskussion eröffnet.

Von Fiktionen und “Schneckenmedien”

Die Vertreter der Boulevardblätter 20 Minuten und Blick erzählen, auf was es ankommt. Sehr wichtig seien die Klickrate und ein schnelles Tempo bei der Berichterstattung. Desirée Pomper erklärt: “Nehmen wir an, Ebola bricht aus oder es gibt einen Terroranschlag. Das entnehmen wir den schnellen Medien, nicht den Schneckenmedien.” Als Fischlin wissen will, welche Medien mit ”Schneckenmedien“ gemeint sind, weiss Pomper keine Antwort. Der erfahrene Ausbildner Thomas Kropf vom SRF ist überzeugt, dass das Nachdenken über die journalistische Arbeit in den Hintergrund geraten ist. “Wir machen aus Fakten Fiktionen, erstellen eine fiktive Realität, die es gar nicht gibt. Viele Radios kennen den Korritalk, man schickt Fragen und bekommt die Antworten, aus denen Interviews inszeniert werden. Das ist Beschiss auf höchstem Niveau!” Franz Fischlin entspannt die Diskussion mit der Frage, was denn heute noch Spass mache am journalistischen Beruf.

Eine klassische Ente

Thomas Ley findet, die tägliche Arbeit habe viel Spannendes an sich. “Schreiben, rumtelefonieren und am nächsten Tag den Artikel zu lesen” sei befriedigend. Ähnlich sieht das Desirée Pomper. “Ich liebe die Herausforderung, jeden Tag erlebe ich Adrenalinausstösse”. Für einen überraschten Lacher sorgt beim Publikum der nächste Punkt des Moderators. Fischlin hat etliche falsche Behauptungen in Artikeln von Blick und 20 Minuten gesammelt und zählt vier davon auf. Eine davon ist ein Flugzeugabsturz, angeblich einer Maschine der TUI. Passend dazu war auf dem Artikel ein Flugzeug auf dem Wasser abgebildet. In Wahrheit war es ein Schlepper. “Sowas ist eine klassische Ente”, lehrt uns der Blattmacher des Blicks. “Es gibt auch immer wieder Falschmeldungen von Agenturen. Die Verantwortung, die wir haben, ist, dass man am nächsten Tag wahnsinnig blöd dasteht. Ich kann aber sagen: Purer Sauglattismus funktioniert nicht. Wir haben gar nicht die Zeit, einfach etwas zu erfinden.”

Schnelligkeit und Klickzahlen bleiben wichtig

Wo denn bei solchen falschen Geschichten die Verantwortung für die Gesellschaft bleibe, will Franz Fischlin wissen. Verliere man da nicht das Teamgefühl, wenn man für Kollegen haften sollte. “Die Klickzahlen sind ein Gradmesser dafür, ob es die Leser interessiert oder nicht. Das wichtigste ist die Balance zwischen schweren und leichten Geschichten. Wenn man sich wirklich tief in ein Medium vertiefen will, muss man auf andere Lösungen ausweichen”, sagt Pomper und führt aus: “Wenn in den USA Steakhäuser Mac Donald’s die Schuld am Kundenrückgang geben, stellt sich die Frage, ob man bessere Steakes kochen oder auch Hamburger anbieten muss.” Zum Schluss der Veranstaltung hat das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Eine Frau fragt die 20 Minuten-Ressortleiterin, weshalb man sich nicht mehr Zeit zur Recherche nehme, Informationen habe es ja genug. “Konvergenz hat für mich bedeutet, dass wir plötzlich länger an Geschichten arbeiten können. Schnelligkeit dürfen wir aber nicht einbüssen – wir müssen einen Push machen. Bei den Folgegeschichten können wir dann detaillierter werden. Wir sind mit zwei Millionen Lesern ein wichtiges demokratisches Medium, indem wir objektiv zur Demokratie beitragen.” Ein weiterer Gast sagt, man sei eigentlich nicht nur für die Kritik, sondern auch für die Diskussionsfrage: “Wie geht es weiter?” da.

Selbstverschuldete Probleme

Thomas erklärt, man müsse auch sparen. Das spiele eine grössere Rolle als dass man im selben Newsroom arbeite. Das Publikum sei auch ein anderes Tempo gewohnt. Heute müsse man als Journalist vor allem lernen, wo man nach Informationen suchen muss. Die reinen Spezialisten würden abnehmen. Thomas Kropf gefällt das gar nicht. “Wenn ich höre, dass ein Radiointerview inszeniert war, höre ich das Medium wahrscheinlich nie mehr. Der Mangel an Zeit, etwas zu recherchieren und zu vertiefen, führt zu Qualitätsverlust. Viele der Probleme sind selbstgemacht. Wenn die Entwicklung in Richtung generalisierten Journalisten gibt, werden viele das Metier wechseln. Man muss sagen: Halt! Ich brauche Zeit, meine Kompetenzen aufzubauen.”

Am Ende entschuldigt sich der Moderator noch mit einem charmanten Lächeln für die leichten Seitenhiebe gegen 20 Minuten und Blick. Er erklärt: Das hinge damit zusammen, dass er aus dem SRG komme und versichert, sie noch auf ein Bier einzuladen.

Yannik Primus

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