Wie explizit dürfen Schreckensbilder sein?

Heute ist am IAM in Winterthur im Rahmen des Journalismus-Tages 2014 eine spannende Diskussion über die ethischen Aspekte der Fotopublikationen entflammt. Zur Debatte stand die Publikation von Schreckens-Bildern und die Verantwortung der Medienschaffenden.

von Kalina Widmer, Leandra Fiechter, Julia Scheiwiller, Fabienne Muri und Silvana Schreier

Edgar Schuler, Ressortleiter beim Tagesanzeiger eröffnete das Podium mit einem Bild des ukrainischen Fotografen Petr Shelomovskiy. Darauf ist die Leiche eines Absturzopfers des Fluges MH 17  (abgestürzt am 17.07.2014) zu sehen. Die Gastreferenten Reto Camenisch, Fotograf und Lehrer am MAZ, Tomas Kadlcik, Bildredaktor bei Keystone und Thomas Ley, Blattmacher bei Blick nahmen Stellung zu den Publikationen der jeweiligen Medien.

Von links nach rechts: Tomas Kadlcik, Edgar Schuler und Reto Camenisch. (Nicht auf dem Bild: Thomas Ley)

 

Tomas Kadlcik illustriert: Ein Flugzeug ist abgestürzt. Noch am gleichen Abend hört man davon im Radio und sieht Bilder des rauchenden und brennenden Wracks im Fernsehen. Am Morgen dann liegt die Tageszeitung im Briefkasten. Bereits die Frontseite verspricht eine umfassende Berichterstattung zum Ereignis. Öffnet man schliesslich die Zeitung auf der angegebenen Seite, sieht man die Leiche eines Mannes, der mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Selbst sitzt man am Frühstückstisch, auf einem weichen Stuhl, vor sich eine Fülle von Lebensmitteln. Man betrachtet das Bild aus einer Ferne, die alles surreal erscheinen lässt. Ein solches Unglück kann man sich schlecht ausmalen. Dafür ist ja das Bild da. Es weckt ungeahnte Emotionen, Trauer und auch Wut in einem und lässt einen für einen kurzen Augenblick alles um sich herum vergessen.

Die Betroffenheit ist gross. Sie wurde von diesem Schockbild ausgelöst. „Und dann? Entsteht daraus eine politische Energie?“ Diese Frage stellt sich Reto Camenisch. Was löst die Betroffenheit des Lesers aus? Will er danach etwas verändern? Eine solche Wendung bezweifelt Camenisch und sieht deshalb keinen Grund, solch verstörende Bilder einer breiten Masse zu zeigen. „Wenn man Zeitung liest oder eine Nachrichtensendung schaut, erlebt man das Kriegsgeschehen vom Sofa aus“, sagt Tomas Kadlcik. Man sitze in der bequemen, heilen Welt und könne sich die Realität in Kriegsgebieten kaum vorstellen. Genau aus diesem Grund sei das Zeigen der Schreckensbilder von so grosser Bedeutung. Damit werde das Publikum aufgeklärt.

Camenisch hält dagegen: „Auch wenn ich auf dem bequemen Sofa sitze, mich berühren die schrecklichen Informationen, auch wenn ich keine schockierenden Bilder sehe.“ Bei Fotos, auf denen tote Menschen zu sehen sind, müsse man auch immer ans potenzielle Zielpublikum denken. Dieses beinhalte auch immer schwächere Zuschauer und Leser, die mit Schreckensbildern überfordert wären und derartige verstörende Informationen nur schwer verarbeiten könnten. Alle Medien müssen sich also ihrer Verantwortung und Macht bewusst sein und Schreckensbilder dosiert einsetzen.

Der Fotograf muss also vor Ort entscheiden, was er bildlich festhalten soll: „Ich als Fotograf habe sehr wohl Verantwortung darüber, ob etwas journalistische Relevanz hat oder nicht“, sagt Reto Camenisch. Diese Meinung teilen nicht alle in der Gesprächsrunde zum Thema „Bilder des Schreckens“. Tomas Kadlcik entgegnet: „Ich bin (als Fotograf) in einer Kriegssituation, da ist Chaos.“ Man könne im Moment nicht immer entscheiden, was relevant sei und was nicht.

Am Beispiel des Flugzeugabsturzes in der Ukraine erklärt Thomas Ley, dass der Blick bewusst keine Bilder von Toten veröffentlicht habe: „Wir wollen mit unseren Bildern aufrütteln und ärgern“, sagt Thomas Ley und weiter, „Eine Puppe, Dinge von Leuten – aber keine Metzger-Bilder, auf Deutsch gesagt.“

Reto Camenisch wendet ein, dass hochauflösende Fotos von Menschen die zu Tode gekommen sind, zur Identifikation der Person auf dem Bild führen können: „Je nach dem kannst du deinen Sohn, deine Tochter auf dem Internet zerstückelt finden.“ Will man das wirklich sehen? Der Blick-Redaktor Thomas Ley entgegnet: „Ab und zu macht es Sinn, einen toten Menschen zu zeigen.“

Die Meinungen gehen weit auseinander, einig ist man sich allerdings, dass das Bild ethisch vertretbar sein muss und situativ angebracht sein muss. Da bleibt aber eine Frage offen: Was ist ethisch, was unethisch?

 

 

(Titelbild: Michael Kötter unter Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0)  )

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