Datenjournalismus: Alles nur Pseudo-Objektivität?

“Halt die Fresse, Lügenpresse!” – Heutzutage wird der Presse häufig eine unsachliche Berichterstattung oder gar eine bewusste Verfälschung der Tatsachen vorgeworfen. Lässt sich Journalismus und Transparenz überhaupt vereinbaren?


 

“Der transparente Datenjournalismus dürfte uns zurück auf den Pfad der Vernunft führen”. – Marlis Prinzing, Journalisten Ausbildnerin

Möchten Menschen eine Meinung in irgendeiner Form glaubwürdig verkaufen, wird diese früher oder später mit einer dazu passenden Statistik oder Umfrage untermauert. Die Medienschaffenden sowie auch die Konsumenten müssen lernen, wie sie Statistiken einzustufen und zu interpretieren haben. Dies erfordert zum einen Distanz und Neutralität gegenüber dem Thema und zum anderen ein Bewusstsein für die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten einer Statistik oder Umfrage. Egal wie seriös Daten gesammelt, verarbeitet und dargestellt werden, kann jeder darin ein Pro-Argument für seine Meinung finden. Folglich müssen wir lernen, nicht in die “Pseudo-Objektivität” zu fallen.

 

Twitter-Post von Jaqueline Baran vom 22.Juni 2015
Tweet von Jaqueline Badran vom 22.Juni 2015

Daten und Journalismus: Die Kunst der Interpretation

„Datenjournalismus steckt noch in den Kinderschuhen und es werden noch viele Fehler gemacht“, so Gastreferent Michael Hermann, der Geografie und Politikwissenschaft an der Universität Zürich studiert hat und nun als Leiter der Forschungstelle Sotomo fungiert. Als Fachmann für Datenerhebung kennt er die Problematik, wenn es um die Interpretation von Daten durch Journalisten geht. Keine Grundkenntnisse, unkritischer Umgang und fehlende Objektivität führen nicht selten zu Verzerrungen von Daten.

“Wenn man datenjournalistisch arbeiten will, so ist es von Vorteil, wenn man Programmier-Grundkenntnisse hat.” – Timo Grossenbacher, SRF Data

Im Klartext heisst das: Ein Journalist, der Daten ohne jegliches Vorwissen auszuwerten versucht, wird diese in den meisten Fällen fehlinterpretieren. Insbesondere Analysen, die durch Stichproben entstehen, sind besonders anfällig. In einer Grafik dargestellt, lassen sich kaum mehr Rückschlüsse auf Erhebungsmethode, ursprüngliche Fragestellung und Urheber ziehen.

“Zahlen und die Visualisierung von Zahlen hat eine inhärente Wahrheit, die oft nicht hinterfragt wird.” – Timo Grossenbacher

Ein Beispiel einer möglichen Verfälschung liefern die Statistikwerte verschiedener kantonaler Polizeidepartemente. Während in Zürich Promille-Werte unter 0,5 gar nicht erst erfasst werden, erhebt die Kantonspolizei Genf diese in jedem Fall. Wenn man in der Folge, beispielsweise zwecks Gegenüberstellung verschiedener Kantone, die beiden Datensätze zusammenlegte, so hätte dies eine verfälschende Auswirkung auf das Resultat, da die Erhebungen der Daten nicht identisch waren. Aus diesem Grund ist es von hoher Bedeutung, dass bevor Analysen oder Gegenüberstellungen von Datensätzen gemacht werden, diese differenziert betrachtet & analysiert werden. Um Fehlinterpretation der Daten zu vermeiden, ist es zudem wichtig, dass Erhebungsmethode sowie sämtliche Rohdaten bekannt sind.

Gegenüberstellung zweier Datensätze mit unterschiedlicher Erhebungsmethode
Gegenüberstellung zweier Datensätze mit unterschiedlicher Erhebungsmethode
“Den Grundvorwurf, dass Datenjournalismus häufig in Pseudo-Objektivität endet, würde ich sofort unterschreiben.” – Timo Grossenbacher
Hermann erstellte eine Grafik, welche den Linksrutsch im Parlament über die Jahre hinweg aufzeigt. Zeitungen berichteten über diesen Rutsch im Parlament und banden die Grafik in ihre Texte ein. In allen Zeitungen wurde demnach die gleiche Grafik abgedruckt, jedoch wurde sie beispielsweise in der Weltwoche gefärbt und auseinander gedehnt, so dass der Linksrutsch viel extremer wahrgenommen wurde. Gleichzeitig titelten die Zeitungen ganz unterschiedlich:
  • NZZ, 8.9.2015: „Der Linksrutsch ist eine Realität“
  • BaZ, 21.09.2015: „Mitte-Links immer stärker“
  • Weltwoche, 10.09.2015: „Das linke Parlament”

Original-Auswertung Sotomo

Original-Auswertung Michael Hermann
Michael Herrmann über die folgenden Artikel in NZZ und Co
Michael Herrmann über die folgenden Artikel in NZZ und Co

“Wenn wir auf die Daten reduzieren, dann haben wir Journalismus wie er sein sollte, denn Journalismus ist, die Kernfrage herauszunehmen.” – Michael Hermann

 

 

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