Die „alte Tante“, die genug vom Perfektsein hat

„Journalisten kann man nicht führen“, meint Eric Gujer. Warum sich der neue Chefredaktor der NZZ dieser Herausforderung trotzdem annimmt, erklärt er im Gespräch mit Hannes Britschgi. 

Von Laura Marty, Letizia Reimann, Nadja Ronner


IMG_1517Nervös und gespannt warten wir darauf, dass Eric Gujer im zum Pressraum umfunktionierten Klassenzimmer eintrifft. Als er vor uns sitzt, wirkt der Chefredaktor der NZZ selbstsicher, unbeeindruckt und reserviert. Schnell erfährt man, dass er einst einer von uns war. Angefangen hat er vor 30 Jahren als Praktikant bei der NZZ. Dieser ist er bis heute treu geblieben und hat ebendort anfangs 2015 einen riesigen Wirbel ausgelöst, als er zum neuen Chefredaktor gewählt wurde. Zu Beginn kandidierte Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung, für den Posten. Erst danach stellte sich auch Eric Gujer zur Wahl und wurde einstimmig vom Verwaltungsrat gewählt. Ob er sich als Messias der NZZ sieht, fragt Hannes Britschgi. „Nein, die werden doch nur wieder an irgendwelche Sachen genagelt.“
Der Spitzname „die alte Tante“ ist eine Andeutung auf die konservative NZZ von früher, deren Zeiten vorbei sind. Seit ungefähr acht Monaten ist Eric Gujer nun im Amt und hat es sich zur Aufgabe gemacht, umzustrukturieren. Neu erscheint die Zeitung in vier statt drei Bünden, auch neue Themen, vor allem im Gesellschaftsbereich sind vorhanden. Bei den Lesern kommt dies sehr gut an. Was sich bis heute nicht geändert hat, ist die klare, liberale Linie. Diese Hauptlinie ist vorgegeben in den Statuten der NZZ und gilt sowohl für die Zeitung, wie auch für Aktionäre. Aktien kaufen kann nur, wer die gleiche Weltanschauung hat.
Was ist heute neu? In der Vergangenheit wurde die NZZ oft als fehlerfrei betrachtet. Eric Gujer will der internen Blattkritik zukünftig mehr Raum geben, denn: „Sie ist ein wirksames Gegengift gegen Abheben und Betriebsblindheit.“ Verbessern will er ausserdem das Niveau bei NZZ.ch und neue Wege in Richtung Digitalisierung einschlagen.
Der erste Eindruck, Erich Gujer wäre reserviert und kühl, ist am Ende des Panels verflogen. Geduldig und offen stellte er sich unserer Frage. Wir wollten wissen, was er uns als junge angehende Journalisten auf den Weg geben kann: „Skepsis ist wichtig, um ein guter Journalist zu sein. Besonders dann, wenn die meisten Kollegen eine andere Auffassung zu einem bestimmten Thema haben. Dazu gehört natürlich aber auch eine grosse Portion Mut. Das wichtigste ist, dass man eine solche Position [Chefredaktor] nicht anstrebt. So etwas kann man nicht organisieren, denn meistens ergibt es sich von alleine. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein ist entscheidend.“

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s