Für die Gerechtigkeit an die Grenzen des Gesetzes

Investigativer Journalismus mit versteckter Kamera ist umstritten: Dies hat der heutige Beitrag am Journalismus Tag der ZHAW in Winterthur gezeigt. Der Fall des Schönheitschirurgen Peter Meyer-Fürst bebte die letzten 20 Jahre durch die Schweizer Medienlandschaft. Ehemaliger 10 vor 10 Chef Hansjörg Utz und Nadine Woodtli, Redakteurin von Kassensturz, sprechen über eine 20 Jahre andauernde Recherche, den Kampf um die Gerechtigkeit und die Tücken der versteckten Kamera.

Von Daniel Hitz, Dominic Bleisch, Moritz Müller, Pascal Frick, Raphaela Meier, Sara Rüeger, Damaris Muriel Nobs


„Schönheitschirurg erneut verurteilt“ lautete die Schlagzeile der Blickausgabe vom 26.10.1994. Peter Meyer-Fürst stand wegen Körperverletzung vor Gericht. Er hatte einer Patientin eine Zehe verkürzt, ohne diese zuvor informiert zu haben. Die Busse hielt den selbsternannten „Busen-Meyer“ jedoch nicht davon ab, weiterhin umstrittene Operationen durchzuführen. Nach diversen Brustoperationen, welche Entstellungen und gesundheitliche Beschwerden zur Folge hatten, berichtete die Sendung Kassensturz 2007 über den Fall – mit versteckter Kamera.

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Das etwas veraltete Modell durften wir sogar ablichten. (Foto: Pascal Frick).

Die Folgen dieser investigativen Methode war eine Verurteilung mehrerer Redakteure durch das Bezirksgericht Zürich wegen unerlaubter Bild- und Tonaufnahmen. Das Filmmaterial darf seither nicht mehr öffentlich ausgestrahlt werden. Dies stiess bei Hansjörg Utz auf grosses Unverständnis, der im Fall des Chirurgen ein entsprechendes Interesse wahrnahm. Er kritisierte auch die Gesundheitsdirektion für ihr untätiges Verhalten. „Einem Fischer der zum zweiten Mal an der falschen Stelle erwischt wird, entzieht man die Lizenz. Der Chirurg darf weiter praktizieren.“

 

Nadine Woodtli, die dafür kämpfte, den Opfern des Chirurgen Gehör zu verschaffen, gehörte zu den Verurteilten. „Seit dem ersten Beitrag haben sich immer wieder Patientinnen und Patienten gemeldet, die sich über schlechte Operationsresultate beklagt haben. Ich habe kiloweise Akten zu Meyer-Fürst“. Sie wusste, dass ihre Ermittlungen mit versteckter Kamera illegal waren. „Ich bin vorbestraft. Das ist Berufsrisiko“, sagt sie. Auch SRF-Chefredaktor Ueli Haldimann steht hinter seinem Entscheid von damals, den Beitrag illegal mit versteckter Kamera zu filmen.

Der neuste Bericht des Kassensturzes zum Thema findet ihr hier.

Was Nadine Woodtli und Hansjörg Utz damals besonders enttäuscht hatte, war die Reaktion der Medienlandschaft. „Als all die Häme über den Einsatz des versteckten Kamera über uns ausgeschüttet wurde, hätte ich mir gewünscht, dass sich jemand hinsetzt und den Fall Meyer-Fürst recherchiert“. Kein anderes Medium setzte sich damals mit der schlechten Arbeit des Schönheitschirurgen seriös auseinander. Die Reporter vom Fall Meyer-Fürst fühlten sich von den Kollegen im Stich gelassen. „Wir standen völlig allein da“, meint Hansjörg Utz.

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Die “Gastreferenten” Hansjörg Utz und Nadine Woodtli berichten von ihren Erfahrungen. (Foto: Pascal Frick).

Nadine Woodtli bedauert die Richtung, in die sich die investigative Recherche entwickelt hat. „Die Stimmung hat sich gegen den Kassensturz gekehrt. Meyer-Fürst war das Opfer und die Patientinnen gingen vergessen.“

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