Ist Journalismus Herz- oder Kopfsache?

Empathie, Kitsch oder Fakten. Welches Mass an Mitgefühl braucht die Berichterstattung der Flüchtlingskrise?

Von Camille Sommer, Corina Rainer, Dorian Eichholzer, Jeroen Heijers, Stephanie Vinzens, Zoe Venakis, Tiina Kuture-Meister


 

 

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„Unter dem Druck nationalkonservativer Kräfte verfolgen einige europäische Staaten, unter Ihnen die Schweiz, zunehmend eine Abschreckungsstrategie.“ Mit diesem in der NZZ veröffentlichtem Zitat eröffnet Philipp Cueni die Podiumsdiskussion am Journalismustag 2015 zum Thema „Die Flüchtlingsfrage und die Medien: Solidarischer Journalismus – geht das?“

Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, setzt sich ganz klar für einen nüchternen Journalismus ein. Ihm ist es wichtig, dass die Berichterstattung der momentanen Flüchtlingssituation von Fakten und nicht von Gefühlen geprägt ist. Nur so könne eine konsistente Meinung beibehalten werden. Lasse man sich zu stark von Emotionen leiten, sei die Gefahr dem Lemminge-Effekt zu verfallen grösser. Die Rolle der NZZ sieht Gujer zudem nicht im Beruhigen des Volks. Er hofft hingegen durch faktenreichen Journalismus, die Leserschaft zur Vernunft zu bringen.

Die Priorität der Berichterstattung sieht Marlis Prinzing in der Differenziertheit. Differenziert bedeutet für die Journalistin und Medienforscherin das Darstellen und Berücksichtigen verschiedener Meinungen und Perspektiven. Dabei solle man klar unterscheiden zwischen denjenigen, die der Flüchtlingskrise besorgt und ängstlich gegenüberstehen und denen, die reinen Hass verbreiten. Sie fordert dementsprechend die Journalisten und Verlage auf, die harte Kante zu zeigen, wenn es um rechtsextreme Äusserungen und Hassbotschaften der eigenen Leser geht. In einem demokratischen Staat habe der Journalismus eine klare Verantwortung, solche Aussagen zu verurteilen und zur Anzeige zu bringen.

Für den Chefredaktor des Blicks, René Lüchinger, sind die Emotionen unter anderem eines der wichtigsten Instrumente des Boulevardjournalismus. Man müsse laut sein, wenn man gehört werden wolle. Der Vorwurf an die Schweizer Medien, in dieser Krise nach dem Lemminge-Effekt berichtet zu haben weist er klar zurück. Die Kehrtwendung seiner Zeitung vom euphorischen Willkommensjournalismus hinüber zur Benutzung von Wörtern wie „Flüchtlingsüberschwemmung“ begründet er darin, dass die Flüchtlingsthematik kein lineares Thema sei. Es müssten daher verschiedene Facetten zum Ausdruck gebracht werden. Man könne dabei klar zeigen, dass man ein Herz besitzt, sollte die Problematik hingegen keinesfalls verdrängen.

Zur empathischen Berichterstattung ruft auch Res Strehle, Chefredaktor des Tagesanzeigers, auf. Er bezeichnet die momentane Flüchtlingsfrage als Notsituation, in welcher ein gewisses Mass an Menschlichkeit mehr als angebracht sei. Dabei betont er jedoch deutlich, wie wichtig es sei, die Grenze zum Kitsch nicht zu überschreiten. Auf die Frage hin, ob die Medien tatsächlich einen so grossen Einfluss auf politische Entscheidungen haben, wie ihnen nachgesagt wird, antwortet er: „ Ich glaube man überschätzt das ein bisschen. Wir haben unsere Rolle und unsere Funktion. Aber durch die heutige Austauschkultur mit dem Leser ist unsere Wirkung beschränkt, da uns vermehrt widersprochen wird – das ist auch gut so. Es ist aber auf jeden Fall wichtig einen verantwortungsvollen Beitrag zu leisten.“

Der Journalismus kann zwar keine Lösungen für dieses komplexe Problem herbeizaubern, doch durch den Einfluss der Medien auf die Leser, trägt er doch eine gewisse Verantwortung. Diese Verantwortung zeichnet sich aber in erster Linie nicht darin aus, politische Probleme zu lösen, oder dem Volk die Angst zu nehmen. Vielmehr tragen Medienschaffende die Verantwortung, ehrlich zu informieren sowie zu analysieren und somit die Leser ein stückweit zu bilden. Wir, als neue Generation angehender Journalisten, sind aber klar der Meinung, dass in Fällen einer humanitären Krise ein empathischer Journalismus eine positive Auswirkung auf die Leserschaft haben kann.

 

 

 

 

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