“Wir Journalisten sind nicht das Bundesamt für Jihadprävention”

Wie weit dürfen Journalisten in der Berichterstattung rund um den Jihad gehen? Darüber diskutieren am Journalismustag 15 André Marty von der Bundesanwaltschaft und renommierte Journalisten aus verschiedenen Redaktionen. Eine kontroverse Antwort gibt Daniel Glaus.

Von Karin Renold, Martina Tomaschett, Leandra Nef, Chris Sita, Pascal Schläpfer, Nicola Ryser, Dominik Schwertfeger


André Marty von der Kommunikationsstelle der Bundesanwaltschaft wirft eine provokante Frage in die Runde: „Überlegt ihr Journalisten euch eigentlich, welche Dynamiken ihr auslöst, wenn solche Propaganda verbreitet wird?“

Er meint damit die Veröffentlichung von Informationen und Bildmaterial, welche Journalisten von Jihadisten zugespielt bekommen. Während der anschliessenden Diskussion folgen verschiedene Reaktionen. Bis zu welchem Punkt dient die Berichterstattung zur Information der Öffentlichkeit und ab wann unterstützt man damit die Propaganda der Jihadisten? Die Teilnehmer veranschaulichen anhand von Beispielen, wie sie zur Problematik stehen.

Gemäss Annette Hirschberg, stellvertretende Leiterin Ressort Reporter bei 20Minuten konnten durch Medienberichte mindestens zwei Reisen in den heiligen Krieg unterbunden werden. Die Eltern zweier Jugendlicher haben durch Aufklärung und Sensibilisierung erste Warnhinweise erkannt. Dadurch konnte die Ausreise der Minderjährigen nach Syrien verhindert werden. Diesem Input widerspricht Marty:

 

„Ich glaube nicht, dass aufgrund von verschiedenen Medienberichten weniger Leute in den Krieg ziehen.“

 

Marty 1

 

Kein Richtig und kein Falsch

Die Journalisten stehen bei abstossendem Bildmaterial gemäss Daniel Glaus, Reporter bei 10vor10, oft vor der Frage: „Veröffentlichen oder nicht?“ Ist es richtig, die Bilder zu veröffentlichen, um zu informieren? Oder spielt man damit den Propaganda-Absichten der Jihadisten in die Hände? Zudem stellt sich die Frage, ob die gezeigten Bilder dem Publikum zuzumuten sind.

Diese Art von investigativem Journalismus betrifft auch die allgemeine Sicherheit. Gemäss Georg Häsler, Produzent bei der Rundschau, müssen Journalisten bei heiklen Themen Transparenz für die Öffentlichkeit schaffen. Doch wie sieht es mit den Persönlichkeitsrechten der betroffenen Personen aus? André Marty kritisiert dabei die möglichen Folgen von Jihad-Berichterstattungen. Diese können Auswirkungen auf die laufenden Ermittlungen der Bundesanwaltschaft haben.

Trotzdem ist es gemäss Glaus wichtig, die Öffentlichkeit über gewisse Problematiken zu informieren. Erst wenn mehrere Fälle von Schweizer Jihad-Reisenden bekannt sind, wird das Thema für die Bevölkerung nachvollziehbar. Journalisten müssen Gedankenanstössen liefern, aber „irgendwo ist einfach mal Schluss, denn wir sind nicht das Bundesamt für Jihadprävention“.

 

 

Wie Annette Hirschberg abschliessend zusammenfasst:

 

„Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Bei jedem Artikel muss neu reflektiert und überlegt werden.“

 

hirschberg 1

 

 

 

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