«Wenn jemand auf den Tisch scheisst, druckt 20 Minuten es ab»

Wir kamen, um über #trumpism zu diskutieren – doch nach dem im Titel zitierten Vorwurf von Hannes Britschgi mutierte die Veranstaltung zu einem Bashing gegen «20 Minuten».

Von Daria Rimann, Julia Trottmann, Remo Bürgi

Gegen Ende der ersten Halbzeit der Diskussion – die Teilnehmenden wirkten bereits angespannt –  schnappte sich Hannes Britschgi, Leiter der Ringier Journalistenschule das Mikrofon und leitete einen spitzzüngigen Angriff ein. Er kritisierte den stellvertretenden 20 Minuten-Chefredaktor Gaudenz Looser massiv für die fehlende Einordnung bei der Publikation von umstrittenen Äusserungen in der Gratiszeitung. Britschgis Meinung nach – und er erhielt dafür von der grossen Mehrheit im Saal einen kräftigen Applaus – ist es keine genügende journalistische Leistung, Quotes von Donald Trump oder anderen Populisten dem Leser unkommentiert vor die Nase zu setzen. „Erfolgsrezept [von 20 Minuten] ist: Wenn irgendeiner, auf Deutsch gesagt, auf den Tisch scheisst, bilden sie es ab.“ Überspitzt wollte Britschgi aufzeigen, wie absurd es sein kann, kontextlos reisserische Nachrichten zu veröffentlichen. Wenn man nur darauf aus ist mit dem Extremen Leser zu generieren und keine Ressourcen für die Einordnung aufwendet, lässt man den Leser im Endeffekt im Stich.

 

 

Der angegriffene Gaudenz Looser bestätigte, dass 20 Minuten polarisierende Aussagen grundsätzlich nicht selbst kommentiert. Gänzlich ohne Einordnung komme man laut Looser allerdings nicht aus: Das Pendlerblatt ziehe manchmal Expertenmeinungen für Einschätzungen hinzu.

Auf Nachfrage erläuterte Gaudenz Looser die Gründe für das publizistische Konzept von 20 Minuten. Durch eigenes Kommentieren schliesse man einen Teil der Leserschaft aus, bei der Einordnung durch einen Experten hingegen verhalte man sich als Medium neutral. Diese Praxis habe jedoch nichts mit der Kompetenz der Mitarbeiter des Gratisblatts zu tun.

 

KOMMENTAR:

Wir haben uns zur Diskussion, ob man heikle Aussagen kommentieren und einordnen soll, folgende Fragen gestellt: Was soll die Aufgabe von Journalisten sein? Das blosse Abbilden von Quotes? Das unkommentierte Publizieren von Nachrichten? Das Abschieben jeglicher Verantwortung auf sogenannte Experten oder den «mündigen Leser»? In diesem Fall müssten wir kein dreijähriges Bachelor-Studium an einer Fachhochschule absolvieren – «copy/paste» kann heutzutage jeder Primarschüler.

Voltaire schrieb einst, was vielen vor allem aus dem Spiderman-Universum bekannt ist: «Aus grosser Macht folgt grosse Verantwortung».

Wir sehen es als Kernaufgabe eines verantwortungsbewussten Journalismus, dass dem Publikum auch eine Einordnung geboten wird. Wir sind überzeugt, dass ein solcher Journalismus ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Demokratie ist. Und wir hoffen, dass ein solcher Journalismus die Schweizer Demokratie vor den beunruhigenden Tendenzen des US-Wahlkampfs bewahren kann.

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